Mein Hund ist süchtig und ich bin schuld daran –

Mein Hund ist süchtig und ich bin schuld daran

„Das war der schlimmste Fehler meines Lebens“, sage ich in mein Handy und schicke die Sprachnachricht meinem Freund.

Ich habe meinen Hund abhänging gemacht, süchtig nach dem Rausch. Süchtig nach der Ausschüttung von Glückshormonen, Serotonin, Adrenalin. Süchtig nach diesem geilen Gefühl. Wenn es so klingt, als würde sich mein Hund regelmäßig mit Ecstasy berauschen – nein, nicht ganz, obwohl es nahezu die gleiche Wirkung hat.

Der Ball ist das Ecstasy meines Hundes. Ich habe einen Balljunkie großgezogen. „Der schlimmste Fehler meines Lebens“.

Mein armer Hund, es tut mir so leid was ich mit dir gemacht habe.

Natürlich weiß ich das nicht erst seit gerade eben.

Mein Hund, wir reden übrigens von Feliz meiner Dobermannhündin, ist schon lange ein Balljunkie. Ein trockener Balljunkie um genau zu sein, wie ein Alkoholiker. Die Sucht eines Balljunkies ist nicht rückgängig zu machen. Du bist trocken oder voll dabei, entweder oder.

Wie ist das überhaupt passiert?

Unkontrolliertes Ballspielen enthält Jagdsequenzen. Insbesondere das Fixieren, Hetzen und das Packen.
Der Hund fixiert den Ball, lässt ihn also nicht mehr aus den Augen, der Mensch wirft, der Hund hetzt hinterher und packt sich den Ball = Jagdverhalten.
Und Jagdverhalten ist selbstbelohnend durch die Glückshormone, die ausgeschüttet werden.

Feliz hat, seit sie ein Junghund war, gerne andere Hunde gejagt. Weder ich, noch die anderen Hunde fanden das lustig. Irgendwann bemerkte ich, dass sie sich mit einem Ball ablenken ließ und so wurde der Ball unser ständiger Begleiter.

Eine ganz hervorragende Idee meinerseits: Wenn ich nicht will, dass mein Hund (andere Hunde) jagt, dann lasse ich ihn halt (einen Ball) jagen und tu alles dafür, dass sich das Verhalten verfestigt und mein Hund voll auf Bewegungsreize abgeht. So dumm muss man erstmal sein. Applaus für mich bitte an dieser Stelle.

Irgendwann wurde ich dann mal auf den Umstand aufmerksam gemacht, dass das kontraproduktiv war und ich nun einen Balljunkie habe. Also gab es einen kalten Entzug, keinen Ball mehr (und auch natürlich nichts anderes, das geworfen wird!). Schlimm war es, wirklich schlimm.

Feliz klebte über einen Monat an meiner Jackentasche.
Man muss erwähnen, dass sie keine normalen Verhaltensweisen eines jungen Hundes mehr zeigte. Sie konnte weder spielen (nicht mit mir, nicht mit anderen Hunden), noch konnte sie entspannen (sie schnüffelte nicht, schaute nicht umher…). Ihre Spaziergänge bestanden quasi nur aus BALL, BALL, BALL, DA ISSER, HINTER HER, HETZEN, HETZEN, PACKEN, JUHUU, HIER ISSER FRAUCHEN, WIRF, WIRF, BALL, BALL, HETZEN, PACKEN, usw.

Ihre Umwelt nahm Feliz schon lange nicht mehr wahr. Und nun, als der Ball weg war, wartete sie einfach über 4 Wochen (ich glaub es waren sogar 6 oder 7 Wochen), dass ich IHN aus der Jackentasche nahm und klebte somit an mir. Doch da war kein Ball.
Feliz war so gestresst, dass sie schon am Anfang des Spaziergangs hechelte als wäre sie 3 Stunden am Fahrrad gelaufen.

Mein armer Hund, es tut mir so leid was ich mit dir gemacht habe.

Aber es wurde besser. Sie war endlich trocken. Sie konnte nun ihre Umwelt wieder wahrnehmen. Sie schnüffelte endlich wieder beim Spaziergang. Es war herrlich.

Wieso komme ich ausgerechnet jetzt auf das Thema?

Feliz ist nun mittlerweile, ich glaube, fast 3,5 Jahre trocken.
Gestern habe ich gedacht – ach komm – der alten Zeiten wegen, nehmen wir mal den Ball mit. Wir waren also im Park und ich holte den Ball raus. Ihr Blick sagte schon alles WOW MEIN LEBEN HAT WIEDER EINEN SINN. Ich ließ sie absitzen und warf den Ball. Erst als er lag durfte sie ihn auf mein Kommando holen. Das haben wir mit verschiedenen Spielzeugen lange geübt. Sie brachte mir den Ball und ich legte sie ab. „Schön warten“. Ich lief ein bisschen umher und versteckte den Ball. Ging wieder zu ihr und ließ sie suchen. Das wiederholten wir zwei, drei Mal. Zum Schluss machte ich DEN FEHLER. „So fein hast du das alles gemacht“… ich warf. Sie rannte. Sie brachte ihn wieder. Ich warf, sie rannte. Das ganze vielleicht 5 oder 6 mal.

Da war er wieder. Der Blick. Der irre Blick eines Balljunkies.
Kennt ihr den Blick eures Hundes, wenn er ein Reh oder ein Kaninchen gejagt hat? Diesen irren, hektischen Blick?

Heute ging ich wieder in den Park, wollte das, was ich gestern erfolgreich versaut hatte, wieder gutmachen.
Ich dachte mir ‚Zeig ich ihr nochmal, dass man dort den Ball auch einfach nur ruhig suchen kann, so wie sonst immer‘.

Ich ging mit ihr los, den Ball in der Jackentasche.
Wir hatten kaum einen Fuß vor die Haustür gesetzt, da klebte sie mir schon am Bein. Der hektische Blick war schon da und es dauerte keine 2min, da fing sie an zu Hecheln (bei 15 Grad Außentemperatur wohlgemerkt).
STRESS. In ihren Augen konnte ich deutlich das „ich bin süchtig“ lesen. Es schrie mich förmlich an.

Mein armer Hund, es tut mir so leid was ich mit dir gemacht habe.

Natürlich habe ich den Ball nicht ausgepackt. Ich schlenderte einfach nur mit ihr durch den Park. Also ICH schlenderte, sie klebte halb hüpfend an mir und meiner Jackentasche. „Schluss jetzt“, „Nein“, „geh ab“, „los lauf“. Lief alles mehr oder weniger ins Leere.
Manchmal sprintete sie kurz los, lief einen Kreis um mich herum um kurz die angestaute Energie abzulaufen und kam wieder an meiner Jackentasche an. Alle 30-40 Sekunden wurde sich geschüttelt. Stress. Stress. Stress.
Es dauerte geschlagene 1,5 Stunden bis sie ein klitzekleines bisschen entspannte. Klar, wer kann schon derartigen Dauerstress aushalten. Ich saß auf einer Parkbank während sie Kaninchenköttel graste. Diese paar Minuten hatte sie nötig. Sie schnüffelte unaufgeregt die Wiese ab. Köttel, haps. Schnüffel, schnüffel, Köttel, haps.

Ich stand auf, ging zu ihr, leinte sie an und lief mit ihr nach Hause. Sie war komplett fertig. Sie hechelte immernoch als wir zuhause ankamen. So sehr hatte sie sich selbst gestresst. Und ich bin schuld daran.

Mein armer Hund, es tut mir so leid was ich mit dir gemacht habe.

Quelle: Facebook Von Doreen Knupper

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