Gedanken zur heutigen Hundeerziehung in Abhängigkeit zu unserer Gesellschaft

Ich stelle in den letzten Jahren immer mehr eine Unverbindlichkeit zwischen den Menschen fest. Es wird sich nur noch ungern festgelegt. Ehrlichkeit, Höflichkeit, Anstand, Wertschätzung, Fairness und Verbindlichkeit ist immer seltener zu finden. Wir leben in einer Welt mit Informationsüberfluss und Beeinflussung vor allem durch die Medien, wie vorrangig die Social Networks. Diese sind unverbindlich und anonym und somit ist es auch leicht, andere Menschen zu denunzieren, zu beleidigen und jegliche Form von Anstand, Wertschätzung und Höflichkeit scheinbar zu vergessen. Die andere Seite in unserer Gesellschaft ist die Gut- und Nett-Menschen Seite. Wir spielen tagtäglich im Umgang mit anderen etwas vor und stülpen uns eine Art Maske über. Direktheit, Klarheit und Ehrlichkeit ist oftmals nicht angesagt und passt nicht mehr zu unseren Vorstellungen und auch Erwartungen im Zusammenleben. Werte wie Anstand, Höflichkeit und vor allem Wertschätzung Mitmenschen gegenüber, aber auch Grenzen erkennen und einhalten, werden auch in der Erziehung scheinbar nicht mehr so oft weiter gegeben und vorgelebt. Es wird sich nicht mehr wirklich mit Problemen auseinander gesetzt und versucht, diese auch trotz auftretender Widerstände fair und durch eigenen Einsatz zu lösen. Vielmehr versuchen wir unverbindlich zu bleiben und oftmals den Problemen und Widerständen einfach mit dem leichtesten Weg zu entfliehen und die Ursache und auch Schuld bei anderen zu suchen.

Diese Entwicklung und Umgang wird auch auf das Zusammenleben und auf die Erziehung mit unseren Hunden immer mehr angewendet. Wir wollen, dass unsere Hunde nur noch funktionieren, das sie da sind wenn es uns und in unseren Tagesablauf passt und das sie möglichst nicht stören und nicht da sind, wenn sie uns gerade nicht passen. Wir versuchen, unsere Hunde zu ändern und in Richtung menschliche Vorstellung und Denkweise zu drehen, denn das ist ja einfacher, als sich auf den Hund einzulassen und somit, das wäre die Folge daraus, sich selbst zu ändern. Genauso wie im zwischenmenschlichen Bereichen möchten wir unseren Hunden möglichst keine Klarheit, Konsequenz und Grenzen aufzeigen. Wir möchten nur mit Gut und Nett gegenüber den Hunden auftreten, möglichst auch hier unverbindlich bleiben, aber gleichzeitig erwarten, dass der Hund uns versteht und vor allem nach unseren Vorstellungen dann handelt. Wir haben vergessen, wen wir eigentlich an unserer Seite haben: Einen Hund und keinen Menschen, der sich innerhalb der breiten Masse anpasst und möglichst nicht auffallen möchte. Einen Hund, dem das Vorspielen von Gefühlen, Verhalten und gesellschaftliches gezwungenes und erwartendes Handeln fremd sind.  Wir haben ein Lebewesen an unserer Seite, welches uns nichts vorspielt, sich nicht verstellt, ehrlich und direkt ist und auch kein schlechtes Gewissen aufgrund seines Handelns hat. Er handelt so, wie er fühlt und so wie er gerade meint handeln zu müssen. Er richtet sein Handeln auch nach unserem Umgang mit ihm, denn er liest und beobachtet uns immer. Ihn interessieren nicht die menschlichen Vorstellungen im Umgang miteinander. Er handelt einfach als Hund.
Trotzdem erwartet und braucht er auch einen Bezug, von dem er klare unmissverständliche Führung und Kompetenz bekommt. Dieser Bezug wäre in der Natur sicherlich sein Rudel oder seine Hundegruppe. Insofern erwartet er bei einem Zusammenleben mit uns Menschen, diese Attribute von uns. Er erwartet aus seiner Sicht und aus seinem hündischen Verständnis Sicherheit durch seine Menschen. Zu dieser Sicherheit gehört eine ehrliche, klare und konsequente Führung, die auch das Erlernen und Einhalten von Grenzen beinhaltet, genauso wie mögliche Freiheiten und eine angepasste und sinnvolle Bestätigung/Belohnung. Er erwartet keinen Umgang nach vorgegebenen festgeschriebenen Erziehungsmethoden, die durch uns Menschen nur als eine Art Bedienungsanleitung umgesetzt werden, sondern er erwartet eine intuitive, ehrliche und auf den jeweiligen Hund und der jeweiligen Situation angepasste Erziehung, die aus seiner Sicht und aus seinem hündischen Verständnis nachvollziehbar ist. Er möchte einfach nur einen kompetenten menschlichen Partner und Führungspersönlichkeit an seiner Seite. Ja, man kann Partner und auch Führungspersönlichkeit in einem sein, es schließt sich nicht gegenseitig aus.
Auch hat Kompetenz nichts mit Macht zu tun, ganz im Gegenteil, viele die Macht ausüben sind oftmals nicht wirklich kompetent und kompetente Menschen üben nicht unweigerlich Macht aus.
Ich stelle fest, dass viele Hundehalter ihrem Hund ein menschliches emotionales Kostüm überziehen, um so eigene soziale Defizite und fehlende menschliche Emotionalität durch und über ihren Hund zu kompensieren. Der Hund soll für menschliche Erwartungen und auch für einen gewissen Egoismus herhalten. Es wird oftmals nicht gefragt, ob diese Erwartungen an den Hund überhaupt sinnvoll und vom Hund zu leisten sind. Es wird weniger Wert auf einen natürlichen Umgang und somit auf eine aus Hundesicht stimmige Beziehung Wert gelegt, als vielmehr auf alle möglichen neuen und neusten Trainings-, Ausbildungs- und Beschäftigungsprogramme. Dabei bleibt ein natürlicher intuitiver Umgang mit unseren Hunden oftmals auf der Strecke. Es scheint wichtiger, mit allerlei Hilfsmitteln in Verbindung mit einer teilweisen absurden Behandlung und Umgang mit unseren Hunde, die eigenen Vorstellungen, Erwartungen umzusetzen. Diese Vorstellungen und Erwartungen werden durch unsere Gesellschaft vorgegeben, durch eigene unerfüllte Wünsche generiert und auch leider durch zu viele sogenannte Hundefachleute vorgegeben. Es werden alle möglichen Hundefunsportarten betrieben und oftmals jahrelang diverse Beschäftigungs- und Erziehungsprogramme besucht, alles gepaart unter Zuhilfenahme von allerlei Bestechungs- und Hilfsmittel und arbeiten an Symptomen. Es wird hierüber ganz vergessen, dass eine stimmige Beziehung aus Hundesicht und nicht immer die Wünsche und Vorstellungen aus Menschensicht, viel wichtiger und für ein entspanntes Miteinander erforderlich sind. Ein Grundgehorsam ist sehr oft nicht mehr zu finden und es ist heutzutage fast schon normal, wenn der Hund erst nach mehrmaliger Aufforderung mehr oder minder hört und dafür auch noch belohnt wird, bzw. nur wegen der zu erwartenden Belohnung und nicht wegen seines Menschen hört. Es ist die Ausnahme, wenn ein Hund sofort und freiwillig auf seinen Menschen hört und dieses nicht noch extra belohnt wird. Ein Grundgehorsam ist eine normale Angelegenheit die ich als Hundehalter erwarten kann und die absolut nicht extra lohnenswert ist. Erwarten wir nicht auch in der Erziehung mit unseren Kindern ein gewisses Grundgehorsam und Einhaltung der von uns und der Gesellschaft festgelegten Regeln. Diese Standards belohnen wir doch auch nicht extra. Diesen Grundgehorsam wird ein Hund gerne und freiwillig für uns leisten, wenn er aus seiner Sicht, uns als seinen Menschen für kompetent und wichtig ansieht und ihn nicht grundsätzlich in Frage stellt. Kompetent und wichtig sind wir nicht alleine durch Nutzung von allerlei Hilfsmittel in der Hundeerziehung und durch Bestechung mit Leckerchen. Um zu einer solchen stimmigen Bindung mit unseren Hunden zu kommen, bedarf es eine Änderung unseres Verhaltens und ein Umdenken. Wir müssen uns davon lösen, andauernd zu versuchen den Hund zu ändern und ihn an unsere menschlichen Vorstellungen anzupassen. Vielmehr müssen wir bereit sein und es auch umsetzen, uns auf den Hund und sein hündisches Verständnis einzulassen, ihn wieder zu verstehen und als Hund anzusehen. Hierzu bedarf es die Bereitschaft durch den Hundehalter, aber auch ein generelles Umdenken in der Hundebranche und bei vielen Hundetrainern. Es darf nicht das Ziel sein, Hundehalter möglichst lange mit vielen Kursen und oftmals mit mäßigem Erfolg zu binden und wirtschaftliche Belange absolut in den Vordergrund zu stellen. Es muss das Ziel sein, dem Hundehalter individuell, bestmöglich und schnell zu helfen. Ihn möglichst viel Wissen und Verständnis über das Lebewesen Hund zu geben und sich davon zu lösen, nur durch festgelegte Vorgehensweisen, Erziehungsmethoden und Hilfsmitteln nach Bedienungsanleitung zu handeln und an Symptomen zu arbeiten. Nicht nur der Hundehalter hat eine Verantwortung für seinen Hund – für ein Lebewesen – , sondern auch Hundetrainer und Schulen haben eine Verantwortung für die von ihnen betreuten Menschen und deren Hunde, die weit über rein wirtschaftliche Interessen und gesellschaftlichen Erwartungen hinaus geht. Wir verkaufen keine Ware, sondern arbeiten als Dienstleister in einem hoch emotionalen Bereich mit Lebewesen zusammen.

Ich bin der Meinung, dass die Hundehalter, sofern sie auch wirklich wollen, den Anspruch auf beste, fundierte, individuelle und schnellstmögliche Hilfe im Umgang mit ihren Hunden an uns Trainer stellen können. Genauso kann ein guter Hundetrainer von den Hundehaltern erwarten, dass Diese Verständnis für das Lebewesen Hund aufbringen und Bereitschaft, Investition  und Einsatz zeigen, um mit Hilfe des Trainers zu einem guten und entspannten Miteinander mit ihrem Hund zu kommen.

© Andreas Schmitt – Hund-Beziehung-Mensch.de

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